Jenseits der Technik: Die menschliche Seite der Energiewende
- Michael Krieger

- 18. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Es ist eine der großen Ironien der Energiewende: Wir sprechen ständig über Technik, Flächen, Genehmigungen, Netze, Speicher, Renditen. Aber fast nie über Menschen. Dabei hängt der Erfolg oder Misserfolg der Energiewende nicht an Megawatt, sondern an Beziehungen. Wer Vertrauen aufbauen will, braucht Verständnis dafür, wie Menschen ticken – und den Mut, auf Augenhöhe zu gehen. Die Energiewende ist ein people’s business. Und genau das wird in der Praxis oft unterschätzt.
Wenn Begegnung zur Botschaft wird
Ich erinnere mich an ein Projekt im Norden Deutschlands. Die Stimmung in der Gemeinde war schwierig, die Fraktionen im Gemeinderat verschlossen. Nur die AfD-Fraktion zeigte sich offen für ein Gespräch. Drei Herren im Rentenalter baten um einen Austausch. Von Seiten des Projektentwicklers sollten zwei junge Kolleginnen teilnehmen – klug, kompetent, motiviert. Auf dem Papier also eine gute Wahl. Aber im Gespräch mit dem Team wurde schnell klar, dass die Konstellation wahrscheinlich nicht tragen würde.
Nicht, weil die beiden Frauen fachlich unterlegen gewesen wären – ganz im Gegenteil. Sondern, weil unausgesprochene Erwartungen und soziale Codes die Kommunikation beeinflussen. Zwei junge Frauen aus einem urbanen Unternehmen treffen auf drei ältere Männer mit festem Weltbild und kommunalpolitischer Routine – da prallen Lebenswelten aufeinander. Noch bevor das erste Wort gefallen wäre, hätten Schubladen geklappt, Urteile sich verfestigt.
Mein Rat war daher, in gleicher Mannschaftsstärke anzutreten – und einen älteren Kollegen mitzuschicken. Nicht als „Gegengewicht“, sondern als Brücke. Denn Begegnungen auf Augenhöhe entstehen selten zufällig. Sie sind das Ergebnis bewusster Beziehungsarbeit.
Kleidung, Haltung, Wahrnehmung
Auch ich selbst denke bei jedem Vor-Ort-Termin sehr genau darüber nach, welche Botschaft ich mit meiner Kleidung sende. Ich weiß, dass ich mit 39 Jahren oft jünger wirke als viele meiner Gesprächspartner. Ein gestandener Kommunalpolitiker, der seit Jahrzehnten Verantwortung trägt, wird nicht automatisch überzeugt sein, wenn ich ihm etwas über „Akzeptanzprozesse“ oder „kommunale Wertschöpfung“ erzähle.
Aber ich kann ihn ernst nehmen – nicht nur inhaltlich, sondern als Person. Ich kann Fragen stellen, die echtes Interesse zeigen. Ich kann über meine Kleidung, meine Haltung, meinen Blick signalisieren: Ich bin nicht hier, um zu belehren. Ich bin hier, um zu verstehen.
Es sind kleine Gesten, die Großes bewirken können. Eine offene Körperhaltung. Ein ruhiger Ton. Eine Sprache, die nicht den eigenen Status betont, sondern die Verbindung sucht. Wer so auftritt, gewinnt Vertrauen. Und Vertrauen ist die unsichtbare Währung jeder Energiewende.
Expertentum als Schutzschild
Das größte Hindernis auf diesem Weg ist oft das eigene Expertentum. Fachleute, ob Ingenieur:innen, Jurist:innen oder Projektentwickler:innen, neigen dazu, sich hinter ihrem Wissen zu verstecken. Fachlichkeit gibt Sicherheit. Sie schafft Distanz – und schützt vor Emotionen.
Doch genau diese Distanz ist fatal. Denn wo sich Menschen begegnen, darf und muss es menscheln. Wer nur über Zahlen spricht, verliert das Gefühl für das, was Menschen antreibt: Sorge, Stolz, Angst, Verantwortung, Zugehörigkeit. Das sind keine Störfaktoren, sondern die eigentlichen Wirkkräfte in Veränderungsprozessen.
Viele Projektteams sind hochqualifiziert – aber kaum beziehungsfähig. Sie kennen die Fakten, aber nicht die Dynamik sozialer Räume. Sie wissen, wie man Windräder baut, aber nicht, wie man Vertrauen pflanzt. Und sie übersehen, dass Kommunikation keine Begleitmaßnahme ist, sondern Kern der Projektarbeit.
Emotionen sind kein Risiko – sie sind Kapital
Die Annahme, Emotionen gehörten nicht in professionelle Kommunikation, ist ein Missverständnis. Emotionen sind kein Risiko, sondern Kapital. Sie ermöglichen Resonanz. Sie schaffen Verbundenheit. Sie öffnen Türen, die Argumente allein nicht aufbekommen.
Gerade in komplexen und umstrittenen Projekten ist Ambiguitätstoleranz gefragt – also die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne vorschnell Position zu beziehen. Es gibt nicht „die eine Wahrheit“. Es gibt Perspektiven, Interessen, Erfahrungen. Wer die Energiewende als kollektive Aufgabe versteht, muss bereit sein, einen Teil der Kontrolle abzugeben.
Das fällt schwer, weil Kontrolle Sicherheit verspricht. Aber Kontrolle verhindert auch Beteiligung. Erst wer den Kontrollverlust nicht als Angriff versteht, sondern als Einladung an andere, Verantwortung zu übernehmen, öffnet den Raum für echtes Miteinander.
Vom Projekt zum „unserem Projekt“
Ein Netzwerk entsteht nicht durch Abstimmungen, sondern durch Begegnungen. Wer Akzeptanz will, muss Beziehungen pflegen – dauerhaft, ehrlich, auch jenseits von Projektphasen. Ein Bürgermeister, der sich gesehen fühlt, eine Bürgerin, deren Sorge ernst genommen wird, ein Landwirt, der merkt, dass seine Fläche nicht nur Mittel zum Zweck ist – das sind die Bausteine funktionierender Energiewendeprojekte.
Beziehungsarbeit ist anstrengend. Sie ist nicht skalierbar, nicht digitalisierbar, nicht effizient im klassischen Sinne. Aber sie ist wirksam.
Denn irgendwann kippt die Wahrnehmung: Das ist nicht mehr das Projekt eines Entwicklers – das ist unser Projekt. Dann beginnt Akzeptanz. Dann entstehen Netzwerke, die auch die nächste Entscheidung, den nächsten Konflikt tragen.
Die soziale Infrastruktur der Energiewende
Wenn wir über Infrastruktur sprechen, meinen wir meist Kabel, Straßen, Leitungen. Aber es gibt auch eine soziale Infrastruktur: Vertrauen, Respekt, Kooperation. Sie ist schwer zu messen, aber ohne sie bricht jedes System zusammen.
Deshalb müssen Teams in der Energiewende lernen, nicht nur in Kilowattstunden, sondern in Beziehungen zu denken. Sie brauchen Kompetenzen, um Stimmungen zu deuten, Konflikte auszuhalten, Gespräche zu führen, ohne sie zu dominieren.
Beziehungsfähigkeit ist keine weiche Kompetenz. Sie ist die härteste Währung in der Transformation. Wer sie beherrscht, kann Brücken bauen – zwischen Stadt und Land, Alt und Jung, Fachwelt und Alltagswelt.
Fazit: Die Energiewende braucht Menschen – keine Helden
Die Energiewende ist kein technisches Projekt, sondern ein gesellschaftliches Experiment. Sie zeigt, wie wir miteinander umgehen, wenn etwas auf dem Spiel steht. Sie ist Bühne und Spiegel zugleich.
Am Ende entscheidet nicht, wer das beste Konzept schreibt oder die höchste Förderung erhält. Entscheidend ist, wer Vertrauen weckt. Wer zuhören kann. Wer andere mitreden lässt. Wer die Menschen nicht nur informiert, sondern beteiligt – mit Respekt, Geduld und echtem Interesse.
Denn die Energiewende wird nicht gemacht. Sie wird gelebt. Von Menschen, die sich begegnen. Von Teams, die ihre Komfortzone verlassen. Von Kommunen, die aus Projekten Gemeinschaftsaufgaben machen.
Nur so wird aus der Energiewende ein people’s business – und aus dem Business ein gemeinsamer Erfolg.
[Eine Kurzversion dieses Essays ist im Magazin der MLK Gruppe erschienen.]

Kommentare