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Übersetzen statt Überzeugen: Warum Führung in der Energiewende neu gedacht werden muss

  • 15. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Juni


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Die Energiewende wird häufig als technisches Großprojekt beschrieben – als Umbau von Infrastrukturen, Märkten und Systemen. Doch wer in die Organisationen selbst blickt, erkennt schnell: Die eigentliche Herausforderung ist eine andere. Es ist die Frage, wie Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Denkweisen gemeinsam handlungsfähig bleiben. Genau hier beginnt die eigentliche Transformationsarbeit.


Denn Unternehmen der Energiewende stehen unter doppeltem Druck. Sie müssen nicht nur ein komplexes Energiesystem verändern, sondern sich gleichzeitig selbst neu organisieren. Diese Gleichzeitigkeit führt zu einer besonderen Form von Spannung: Unterschiedliche Wissenswelten treffen aufeinander – und sie passen nicht automatisch zusammen.


Auf der einen Seite steht das Erfahrungswissen. Es entsteht über Jahre, manchmal Jahrzehnte, durch konkretes Tun, durch Fehler, durch Wiederholung. Es zeigt sich oft nicht in Präsentationen oder Modellen, sondern in einem feinen Gespür für Situationen. Auf der anderen Seite steht ein zunehmend theoretisch geprägtes Wissen: analytisch, modellbasiert, systemisch. Es kann Komplexität abstrahieren, Szenarien durchdenken und neue Möglichkeiten sichtbar machen.


Beide Formen sind unverzichtbar. Und doch geraten sie im Alltag oft aneinander. Nicht, weil eine von beiden falsch wäre – sondern weil sie unterschiedlichen Logiken folgen. Erfahrungswissen fragt: „Was hat sich bewährt?“ Theoretisches Wissen fragt: „Was wäre möglich?“ Zwischen diesen Fragen entsteht ein Raum, der nicht automatisch überbrückt wird.


In diesem Raum zeigen sich typische Konflikte. Was gilt überhaupt als überzeugender Beweis – die gelebte Praxis oder das sauber gerechnete Modell? Wer darf entscheiden – jemand mit jahrzehntelanger Erfahrung oder jemand mit dem aktuellsten Fachwissen? Ist das größere Risiko, eingefahrene Wege zu verlassen, oder ist es riskanter, genau das nicht zu tun? Und schließlich: Lernt man besser durch Handeln oder durch Analysieren?


Diese Fragen sind nicht neu, aber in der Dynamik der Energiewende werden sie existenziell. Denn Entscheidungen müssen oft unter Unsicherheit getroffen werden – schneller, als sich stabile Routinen bilden können. Wer hier versucht, die Spannungen einfach aufzulösen, übersieht ihren eigentlichen Wert. Sie sind kein Problem, das beseitigt werden muss. Sie sind eine Ressource, die gestaltet werden muss.


Genau hier kommt ein Perspektivwechsel ins Spiel, der für viele Organisationen ungewohnt ist: weg vom Überzeugen, hin zum Übersetzen.


Überzeugen bedeutet, dass eine Seite recht hat und die andere sich anschließt. Dieses Muster funktioniert gut in stabilen Kontexten mit klaren Wahrheiten. In der Energiewende jedoch greift es zu kurz. Denn hier tragen oft beide Seiten einen Teil der Wahrheit in sich. Wer versucht, den Konflikt durch Argumentationsstärke zu entscheiden, verliert im Zweifel genau das Wissen, das er eigentlich bräuchte.


Übersetzen setzt an einem anderen Punkt an. Es geht davon aus, dass unterschiedliche Perspektiven nicht überwunden, sondern füreinander verständlich gemacht werden müssen. Führung wird damit zu einer Vermittlungsleistung: Sie sorgt nicht dafür, dass alle gleich denken, sondern dass Unterschiedliches anschlussfähig wird.


Das verändert die Rolle von Führung grundlegend. Es reicht nicht mehr, Entscheidungen zu treffen oder die „beste“ Lösung zu kennen. Stattdessen geht es darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem verschiedene Formen von Wissen überhaupt wirksam werden können. Führung wird zu einer Arbeit an Bedeutung: Was gilt hier als belastbar? Welche Perspektiven fließen ein? Wie werden sie miteinander verbunden?


Dabei bewegt sich Führung immer in drei Spannungsfeldern gleichzeitig. Sie braucht Autorität, um fachliche Klarheit herzustellen – also eine gemeinsame Grundlage dafür, was als relevant oder richtig gilt. Sie braucht soziales Kapital, um Zustimmung zu erzeugen, denn ohne Vertrauen und Anschlussfähigkeit bleibt jede Entscheidung wirkungslos. Und sie braucht Macht, um Verbindlichkeit zu schaffen – die Fähigkeit, Entscheidungen tatsächlich wirksam zu machen und Konsequenzen spürbar werden zu lassen.


Gerade dieser letzte Punkt wird in wertegetriebenen Organisationen der Energiewende oft unterschätzt. Der Anspruch, „das Richtige“ zu tun, geht häufig mit einem starken Wunsch nach Harmonie einher. Konflikte werden dann vermieden, Konsequenzen weich formuliert oder gar nicht umgesetzt. Doch genau hier entsteht ein Paradox: Eine Kultur, die auf gemeinsame Werte setzt, verliert an Wirksamkeit, wenn sie keine Verbindlichkeit herstellen kann.


Übersetzen heißt deshalb auch, Unterschiede nicht zu glätten, sondern sie auszuhalten und produktiv zu machen. Es bedeutet, Erfahrungswissen sichtbar zu machen, bevor es verloren geht. Es bedeutet, theoretisches Wissen ernst zu nehmen, ohne seine Grenzen zu ignorieren. Und es bedeutet, immer wieder bewusst zu klären, wer was entscheidet, auf welcher Grundlage und mit welchen Folgen.


Das klingt abstrakt, wird aber im Alltag konkret: in Gesprächen, in Meetings, in der Art, wie Entscheidungen vorbereitet und nachgehalten werden. Wenn am Ende eines Meetings klar ist, wer wofür verantwortlich ist – und wenn das beim nächsten Treffen überprüft wird –, entsteht genau die Verbindlichkeit, die Transformation trägt. Wenn Expertise nicht stillschweigend angenommen, sondern sichtbar gemacht wird, entsteht die Grundlage für gemeinsame Urteile. Und wenn Zustimmung aktiv gesucht wird, statt sie vorauszusetzen, bleiben Organisationen anschlussfähig.


Am Ende entscheidet sich der Erfolg der Energiewende weniger an technologischen Durchbrüchen als an der Fähigkeit von Organisationen, mit ihren inneren Spannungen umzugehen. Wo Erfahrungswissen und Theorie unverbunden nebeneinanderstehen, entsteht Stillstand – oft gut begründet, aber dennoch lähmend. Wo es gelingt, beides zusammenzuführen, entsteht echte Beweglichkeit.

Führung spielt dabei eine zentrale Rolle. Nicht, weil sie mehr weiß. Sondern weil sie den Raum gestaltet, in dem Wissen wirksam werden kann.


Oder anders gesagt: Die eigentliche Aufgabe ist nicht, andere zu überzeugen. Die eigentliche Aufgabe ist, Verständigung möglich zu machen.


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