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GRUNDLASTFÄHIGKEIT DER ERNEUERBAREN

Es wird immer wieder gesagt, dass die Erneuerbaren nicht in der Lage seien, die Grundlast im Stromnetz zu gewährleisten. Warum ist das ein Trugschluss?


Grundlastfähigkeit


Grundlast ist der Mindeststrombedarf, der über den Tag nicht unterschritten wird. Die Mittellast stellt die Schwankungen dar, die durch den normalen Tagesverlauf gegeben sind. Die Spitzenlast sind kurzfristige Lastspitzen (z. B. wenn abends gekocht wird und das Licht eingeschaltet wird). Grundlast ist Dauerlast, die immer im Stromnetz da ist. Sie dient neben der Versorgung der Industrie, der Grundversorgung, der Beleuchtung auch der Befüllung von Speicherkraftwerken. Historisch gesehen sind Grundlast-Kraftwerke wenig steuerbar.


Dezentralität


Bisher ist die Stromversorgung auf einige wenige große Kraftwerke an zentralen Verteilpunkten ausgelegt. Die Erneuerbaren sind aber dezentral organisiert und sie liefern an vielen Verteilpunkten kleine Mengen an Strom. Das stellt unser Verständnis einer grundlastfähigen Stromversorgung in Frage. Technisch gesehen ist es einfach eine andere Herangehensweise.


Ängste


Wir werden in Zukunft mehr Strom verbrauchen als heute, da wir einerseits unsere Wärmeversorgung elektrifizieren (Stichwort Wärmepumpe) und andererseits die Digitalisierung mehr Energie benötigt. Die große Angst ist dabei, dass wir im Winter im Kalten sitzen, wenn dann der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Das bisherige Versprechen des grundlastfähigen Kraftwerksparks ist, dass mir nicht kalt sein wird.


Gerade in der dunkeln Jahreszeit (Oktober bis März) scheint die Grundlast für unsere psychologisches Empfinden einer Wohlstandsnation unbedingte notwendig zu sein. Im Sommer wird dieses Versprechen weniger relevant. Daher müssen die Kraftwerke, denen wir eine Grundlastfähigkeit zusprechen auch dem Anspruch genügen immer und immer gleich viel Strom zu liefern. Wir müssen unabhängig von externen Einflüssen sein.


Gerade die Naturabhängigkeit (einiger) Erneuerbarer stellt dieses Unabhängigkeitskriterium in Frage. Dabei ist keine Energieversorgung vollständig unabhängig. Auch Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke müssen mit Brennstoff versorgt werden und sind damit in Abhängigkeit von deren Verfügbarkeit.


Netzstabilität


Das Stromnetz ist systematisch bisher darauf ausgelegt, dass wir Anhand der Frequenz bestimmen können, ob ein Zu- oder Abschalten von Kraftwerkskapazität notwendig ist. Es müssen immer 50 Hertz vorhanden sein. Wir sind daher reaktiv eingestellt. Die Erneuerbaren hinterfragen dieses Reaktive, denn sie brauchen ein proaktives System und kein reaktives.


Stabil


Es gibt zahlreiche Erneuerbare, die aufgrund ihrer technischen Situation per se als grundlastfähig angesehen werden können: Gezeitenkraft, Wasserkraft, Geothermie und Biogas. Sie sind sogar mittel- und spitzenlastfähig, da sie jederzeit abgeregelt, zugeschaltet oder abgeschaltet werden können.


Eine stabile, grundlastfähige Stromversorgung ist weniger die Frage der Technologie, sondern eher der Steuerung selbiger.


Volatil


Ja, Wind und Sonne sind volatil und nicht immer vorhanden. Allerdings haben wir bereits das Rüstzeug durch astronomische und meteorologische Prognosen über Tage im Voraus zu bestimmen, wie das Wetter sein wird und wo eben doch Wind und Sonne Strom liefern werden.


Klar, es gibt Extremsituationen, aber auch auf diese kann reagiert werden, wenn sie nicht überraschend (reaktiv), sondern mit einer gewissen Vorlaufzeit (proaktiv) kommen.


Smartmeter


Es ist nicht alleine eine Frage der Erneuerbaren, ob diese grundlastfähig sind oder nicht und auch nicht allein der Steuerung selbiger. Es muss ein systemischer Ansatz berücksichtigt werden. Denn solange wir nicht wissen, wie viel jeder einzelne von uns in jedem Moment verbraucht, desto schwieriger wird die Steuerung und desto mehr "Überkapazitäten" müssen wir für Unvorhergesehenes berücksichtigen.


In Deutschland sind Smartmeter leider immer noch viel zu selten. In Italien wird das Smartmeter schon seit mehr als 20 Jahren ausgerollt und ist quasi in jedem Haushalt vorhanden. Bei uns hier nur in Neubauten. Ein Unding, wenn man die Energiewende forciert.


Speicher


Auch jetzt schon kommen wir nicht ohne Speicher aus und wir werden in Zukunft noch mehr Speicher benötigen. Alleine schon deswegen, um das Wohlstandversprechen aufrechtzuerhalten. Dabei geht es neben klassischen Speichern wie Pumpspeicherkraftwerke und Batterien auch um die Speicherung in klugen Netzen.


Verknappung


Jeder kennt das Beispiel, dass, wenn im Büro zu viel Papier verbraucht wird, man einfach den Drucker abstöpselt und plötzlich fangen alle an innovative Lösungen zu finden, wie man auch ohne Papier gut arbeiten kann. Ähnlich geht es uns mit dem Ausstieg aus der Atom- und Kohleverstromung. Durch die künstliche Verknappung wird Raum für Innovation geschaffen. Diese Chance müssen wir besser nutzen - gerade im Sinne der Grundlastfähigkeit.


Europa


In unseren Debatten über die Grundlast und die Erneuerbaren denken wir zu deutsch. Fast bis zum Fetischismus der Autarkie gehen dabei die Debatten. Dabei haben wir schon heute ein europäisches Verbundnetz. Auch über Europa hinaus sollten wir denken und Lösungen finden, die einen ganzheitlich systemischen Ansatz haben und nicht nur eine Insellösung in der Mitte Europas sind.


Intelligenz


Wir haben die Fähigkeit, auch kurzfristig komplexe Herausforderungen zu meistern (Stichwort: Corona). Diese Fähigkeiten sind nicht verloren, sondern auch für technische und systemische Fragestellungen nutzbar. Daher sollten wir statt zu klagen, die Ärmel hochkrempeln und gute Lösungen finden.


Auch künstliche Intelligenz wird bei der Steuerung der Stromversorgung zunehmend eine wichtigere Rolle spielen und gerade unser Verständnis von Grundlastfähigkeit verändern und neu definieren.


Und letztlich werden auch die Erneuerbaren stetig weiterentwickelt und immer digitaler, so dass sie sich immer besser einfügen.


Zuversicht


Der Klimawandel stellt die größte Gefahr für unser Leben dar und ist zudem die größte Triebfeder für Weiterentwicklung.


Es braucht kluge Konzepte, praktische Lösungen und ein klimafreundliches Wirtschaften. Erst eine ökologische Grundlast wird der Motor dieses Fortschritts sein.


Wir werden in der Lage sein, unseren Energiebedarf zu 100 % aus Erneuerbaren zu decken. Diese Sichtweise sollten wir uns aneignen.



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